Leoš Janáček

Glagolitische Messe / Aus einem Totenhaus

Janáček Theater / Oper 11/05/2024 18:00 - 20:55

Eine verbindende Linie zieht sich wie ein roter Faden durch alle Kompositionen von Leoš Janáček – tiefe Menschlichkeit und originelle Form. Dies trifft vielleicht am besten auf seine beiden letzten großen Werke zu – die Oper „Aus dem Totenhaus“, eine verkürzte Untersuchung der Seelen von Gefangenenund, und Die Glagolitische Messe, ein besonderer Ausdruck des Glaubens in einer Messe, die auf einem altslawischen Text basiert. Im Rahmen des Festivals Janáček Brno 2022 entstand eine einzigartige Kombination der beiden Werke, wobei die szenische Form der glagolitischen Messe als Fortsetzung der Oper Aus dem Totenhaus beiden Werken eine neue Aussage über die Kraft des Glaubens im Menschen gibt.

Voller Sehnsucht und Erschöpfung warte ich, ob nicht noch irgendein Sternlein vom fernen Horizont mir hell klingend in den Sinn fallen möge. Auch für sein neuntes und letztes Opernwerk suchte und fand Leoš Janáček seine Inspiration wiederum in der russischen Literatur. So wie bereits Čapeks Schauspiel Die Sache Makropulos scheinen sich auch Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus auf den ersten Blick nicht im Geringsten als Vorlage für eine Oper zu eignen. Der Aufenthalt des Schriftstellers in einem sibirischen Zuchthaus in Gesellschaft von Dieben, Mördern, aber auch von Menschen, die durch einen unglücklichen Zufall vom Wege abgekommen sind, seine zu einem literarischen Werk umgeformten persönlichen Erfahrungen – das ist eine düstere Abfolge von Erzählungen aus dem Alltagsleben wie auch über die Lebensschicksale der einzelnen Sträflinge, gemischt mit psychologischen Analysen, philosophischen Erwägungen, nahezu ohne Dialoge, ohne einen zentralen Helden und ohne weibliche Figuren. Trotz all der geschilderten Schrecken schrieb Dostojewski nach seiner Rückkehr an seinen Bruder: Ob Du es glaubst oder nicht, es sind unter ihnen tiefe, starke, schöne Charaktere; welch Freude, unter der groben Schale auf Gold zu stoßen! …  Auch Janáček erblickte in den einzelnen Figuren etwas Tieferes, Menschliches. Gegenüber Max Brod erwähnte er im Jahr 1927: Ich habe im Totenhaus eine menschliche Seele auch in Bakluschin, in Petrow und in Isai Fomitsch entdeckt. Nachdem Janáček bei Katja Kabanowa die Partitur auf der Grundlage der tschechischen Übersetzung geschrieben hatte, arbeitete er bei Dostojewskis Text direkt mit dem russischen Original, und sein Exemplar des Buches ist voller Anmerkungen und Unterstreichungen. Ein Libretto ist nie gefunden worden, lediglich eine stichwortartige Skizze ist erhalten geblieben, so dass allgemein angenommen wird, dass Janáček den Text direkt in die Partitur schrieb. Dass die Arbeit nicht leicht und frohgemut vonstatten ging, lässt sich aus einem Brief an Kamila Stösslová erahnen: Es kommt mir vor, als würde ich darin Schritt für Schritt immer tiefer sinken bis auf den Grund zu den erbärmlichsten Menschen der Menschheit. Und so fallen die Schritte denn schwer.

Janáček war es nicht mehr vergönnt, sein Werk zu vollenden. Die Partitur des 3. Akts nahm er im Sommer mit nach Hukvaldy. Dort wurde ihm eine Lungenentzündung zum Verhängnis, und er verstarb am 12. August 1928 in einem Sanatorium in Ostrava. Sein bahnbrechendes Werk blieb unvollendet. Vor der Uraufführung der Oper in Brno vervollständigten zwei Schüler Janáčeks, die Dirigenten Břetislav Bakala und Osvald Chlubna, die Instrumentierung und nahmen kleinere Veränderungen an den Gesangsparten vor. Eine Änderung erfuhr auch der pessimistische Schluss der Oper, wo bei Janáček nach der Freilassung Gorjantschikows die Wachen die Sträflinge zurücktreiben und das Leben im Totenhaus so unerbittlich wie zuvor weitergeht. Später kehrten die Inszenatoren wieder zum von Janáček ursprünglich intendierten Ausklang der Oper zurück. Mit der Festivalinszenierung wird erstmals in Tschechien eine neue kritische Edition von Prof. John Tyrrell präsentiert, in welcher das Werk so getreu wie möglich in jene Form zurückversetzt wird, wie sie von Janáček selbst erdacht, jedoch nie vollendet wurde.

Trotz des düsteren Endes vermerkte Janáček am Beginn der Partitur des TotenhausesIn jeder Kreatur ein göttlicher Funke! Und dies ist der Gedanke, der seine letzte Oper mit einem anderen seiner Werke verbindet, welches ebenso einzigartig ist – einer Messe nach einem altslawischen Text. Die Entstehung der Glagolitischen Messe überschneidet sich teilweise mit der Arbeit an der letzten Oper, und sie stellt ein mitreißendes Bekenntnis dar. Um es mit Janáčeks eigenen Worten auszudrücken: Ich wollte hier den Glauben an die Gewissheit der Nation nicht auf der religiösen Grundlage festhalten, sondern auf der sittlichen, starken Grundlage, die Gott zu ihrem Zeugen macht. Durch die szenische Fassung der Glagolitischen Messe als Fortsetzung der Oper Aus einem Totenhaus enthalten nunmehr beide Teile eine neue Aussage von der Stärke des Glaubens an den Menschen.

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Vorstellung dauert 2 Stunden und 55 Minuten

1. Teil

Ein Ort am Ende der Welt …

Es beginnt ein neuer Tag mit neuem Leid … einer Strafe für die, die eine Straftat begangen haben, wie auch für jene, die unschuldig hierher gelangt sind. Mörder, politische Häftlinge, Diebe und Landstreicher hat es hier zusammengewürfelt. Der verletzte Adler erregt in allen die Sehnsucht nach der verlorenen Freiheit. Es wird ein neuer Verurteilter herangeführt – Gorjantschikow. Seine Erklärung, er sei ein politischer Häftling, provoziert den Platzmajor zu umso größerer Grausamkeit. Während der monotonen Arbeit sind Gesprächsfetzen zu hören. Skuratow erinnert sich an Moskau, Luka kehrt in Gedanken zum Mord an dem Kommandanten zurück. Ein weiterer Tag im hintersten Sibirien geht zu Ende …

Es ist Sommer, und die Sträflinge zerlegen am Irtysch das Wrack eines Schiffs. Der tatarische Junge Aljeja erzählt Gorjantschikow von seiner Mutter. Feiertag, es ist ein Feiertag! Die Eintönigkeit wird durch die Feierlichkeiten unterbrochen. Der Pope segnet das Essen, und die Sträflinge bereiten ein improvisiertes Theaterstück vor. Beim Essen erzählt Skuratow von seiner Liebe zu Luisa, wegen der er einen Nebenbuhler umgebracht hat – einen alten Deutschen. Die Erinnerungen und die Sehnsucht nach den Frauen, die sie verlassen oder denen sie Leid angetan haben, sind hier in der Männerwelt des Straflagers allgegenwärtig.

Es beginnt das Theaterstück über den letzten Tag Don Juans. Die Sträflinge spielen mit großer Verve die Frauen und auch die Teufel, denen Juan am Ende verfällt. Als nächstes folgt eine Komödie über eine schöne Müllerin, die ihren Mann betrügt. Der Feiertag findet jedoch ein tragisches Ende, als Aljeja im Streit durch einen der Sträflinge verwundet wird.

 

2. Teil

Es ist Nacht, der Schlaf der Kranken ist voller unruhiger Träume. Ihre Taten verfolgen sie immerzu. Der alte Sträfling liegt wach, betet und ist in Gedanken bei seinen Kindern … dabei wird ihm bewusst, dass er sie nie mehr wiedersehen wird. Wie die meisten Sträflinge wird auch er diesen Ort nicht mehr lebend verlassen. Skuratow ruft im Schlaf nach Luisa. Der Landstreicher Schapkin erzählt den anderen, wie er bei einem Einbruch erwischt wurde und wie der Polizeikommissar ihn an den Ohren herauszog. Die stockende Erzählung Schischkows wandelt sich zu einem Geständnis, nach und nach gibt er die Geschichte von seiner unglücklichen Liebe zu Akulina preis, deren Ehre Filka Morosow aus Rache beschmutzt hatte. Schischkow wurde mit ihr verheiratet. Nach der Hochzeit stellte er fest, dass Filka gelogen hatte, doch Akulka gestand ihm, dass sie dennoch Filka liebe und immer lieben werde. Der betrunkene Schischkow brachte sie daraufhin um. Während er von seiner Tat erzählt, stirbt  ein Stück entfernt Luka. Schischkow erkennt in ihm Filka. Seine Schelte des Toten unterbricht der alte Sträfling mit den Worten „Auch ihn hat eine Mutter geboren …“.

Die Wachen rufen Gorjantschikow. Der Platzmajor teilt ihm mit, dass er entlassen werde, seine Mutter habe seine Begnadigung erreicht. Ihn begleiten die Rufe der Sträflinge nach Freiheit. „Marsch!“ schreien die Wachen. Gorjantschikow schreitet einem neuen Leben entgegen. Die anderen verbleiben an einem Ort, aus dem es für sie keine Rückkehr gibt …

Nach dem Tod wandern die Seelen weiter und tragen mit sich ihre Schuld und ihre Selbstvorwürfe. Akulina, Luisa, die Mutter Aljejas und die übrigen Frauen bringen Mitgefühl und Vergebung mit. Durch sie kann die Befreiung kommen.

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Produktionsteam

Jakub Hrůša Musikalisches Arrangement/Dirigent
Robert Kružík Dirigent
Pavel Koňárek Chorleiter
Tomáš Rusín Schauplatz
Jiří Heřman Lichter
Patricie Částková Dramaturgie
Otakar Blaha Assistentin des Direktors

Besetzung

Wann spielen wir?

Fotogalerie